A. THEORETISCHE GRUNDLAGEN

1. Was ist Shiatsu ?

Shiatsu ist eine in Japan entwickelte Form der Körpertherapie, die aus der traditionellen chinesischen Massage hervorgegangen ist. Wörtlich übersetzt bedeutet Shiatsu "Fingerdruck". Die Behandlungstechnik des Shiatsu umfasst jedoch viel mehr als "Drücken mit dem Finger". Eingesetzt werden Hände, Daumen, Ellbogen, Knie. Dabei wird in der Behandlung nicht gedrückt im Sinne von Kraft ausüben, sondern der Behandelnde arbeitet mit seinem Körpergewicht. Darüberhinaus geht es im Shiatsu nicht um eine rein mechanische Behandlung durch Ausüben von Druck, sondern auch um die Herstellung eine energetischen Beziehung zwischen Behandelndem und Klienten. Vom Behandelndem wie auch vom Klienten ist daher Achtsamkeit, Sensibilität und Offenheit erforderlich, um eine optimale Shiatsu-Behandlung zu erreichen.

Shiatsu basiert auf den Erkenntnissen der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), insbesondere dem in der TCM entwickelten Meridiansystem und dem System der Fünf Wandlungsphasen.

Im Unterschied zur Akupressur und zur Akupunktur konzentriert sich eine Shiatsu-Behandlung nicht nur auf einzelne Punkte, die behandelt werden. Im Shiatsu wird entlang von Energiebahnen (Meridian) behandelt. Ziel ist es dabei den Energiefluß in den Meridianen (Ki) zu harmonisieren bzw. zu stärken.

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2. Grundprinzipien einer Shiatsu-Behandlung

- Natürlichkeit (Unterstützen statt Erzwingen, entspannt, konzentriert, mitfühlend behandeln)

- Behandlung mit zwei Händen, eine Hand ist Mutterhand (empfangende, zuhörende Yin-Hand), andere Hand ist Kindhand (aktive, agierende Yang-Hand)

- senkrechter Druck

- Kontinuität (immer in Kontakt bleiben, sanfte Übergänge, Meridian-Kontinuität)

- Anlehnen, nicht drücken

- Mitgefühl

- positive Kontakt

- ruhiger Atem

- Kontakt, Behandlung aus dem Hara

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3. Ziele einer Shiatsu-Behandlung

Ziele einer Shiatsu-Behandlung sind

- Harmonisierung der Energien

- Herstellung eines Energiegleichgewichts

- Verbesserung des Energieflusses

- Anregung der Blut- und Lymphzirkulation

- Erhöhung der Vitalität

- Stärkung des Abwehrsystems

- Körperwahrnehmung

- Sensibilisierung

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4. Wie wird eine Shiatsu-Behandlung eingeleitet ?

Am Beginn einer Shiatsubehandlung sollte immer ein kurzes Vorgespräch stattfinden.
Es ist für den Behandler wichtig zu wissen (vor allem bei der ersten Behandlung) in welchem Zustand der Klient kommt. Welche Gefühle bringt er gerade mit, wie ist er in seinen augenblicklichen Gemütszutand gekommen, was hat er gerade erlebt, wie lebt er zur Zeit? Dieses zu hinterfragen kann dem/der BehandlerIn wichtige Informationen bringen wodurch sich ein erstes Bild ergibt

.Shiatsu-Begrüßung

Abb. aus "Die heilende Kraft des Shiatsu",Lundberg

Zur eigentlichen Behandlung sollte sich der Klient entspannt auf den Boden legen (auf den Rücken, Bauch oder ggfs. auch Seitlage). Der Behandelnde setzt sich im Seiza-Sitz (Kniesitz) neben den Klienten. Für einen Moment entspannt sich der Behandelnde und sammelt seine Energie im Hara. Anschließend wendet er seine Aufmerksamkeit und Achtsamkeit dem Klienten zu und leitet dann die Behandlung mit der "Begrüßung" ein, in dem er mit seinen Händen Kontakt zum Hara bzw. zum Rücken des Klienten aufnimmt.

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5. Warum wird Shiatsu am Boden praktiziert ?

Der Boden symbolisiert die nährende, empfangende Erde. Der Boden gibt Sicherheit. Der Shiatsu-Empfänger kann sich vom Boden tragen lassen und sich entspannen. Auch der Shiatsu-Geber läßt sich vom Boden tragen hat und hat dadurch eine gute Erdung. Er kann bei der Behandlung auf dem Boden besser sein Körpergewicht einsetzen, sich "anlehnen" und sinken lassen und muß daher weniger eigene Körperkräfte einsetzen. Für Shiatsu-Geber und -Empfänger ist die Arbeit am Boden die entspannteste Form der Behandlung.

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6. Welche Bedeutung hat "Mitfühlend sein" im Shiatsu ?

Mitfühlend sein bedeutet für den Shiatsu-Geber eine positive Einstellung und Motivation zum Shiatsu-Empfänger zu haben. Es beinhaltet das "Offen"-Sein, das Einfühlungsvermögen, den Respekt und die Achtsamkeit für die Bedürfnisse des Empfängers. Mitfühlend sein beinhaltet auch "mit dem Gefühl" dabei sein.

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7. Warum wird Shiatsu mit zwei Händen praktiziert ?

Im Shiatsu wird zwei Händen gearbeitet - einer "Mutter"- und einer "Kind"hand. Der Mutterhand fällt die Rolle der empfangenden, beruhigenden, stützenden, zuhörenden, passiven Yin-Hand zu. Die Kindhand agiert, erkundet, behandelt, aktiviert. Sie spielt die Rolle der Yang-Hand. Dabei stehen beide Hände in Verbindung und der Behandelnde und der Klient sollten die Wechselwirkung zwischen den beiden Händen spüren.

In dem von Masunaga eingeführten "Zwei-Hände"-Shiatsu werden somit die Prinzipien von Yin- und Yang als Einheit und Polarität verwirklicht:

 
Yin Yang
Mutter(-hand) Kind(-hand)
empfangend gebend
passiv aktiv
stützen agieren
zuhören sprechen, erkunden

Die Behandlung mit zwei Händen sorgt darüberhinaus für die Kontinuität der Behandlung (mindestens eine Hand hat immer Kontakt), sie ist weniger schmerzhaft (durch die ausgleichende Yin-Hand) und durch die Verbindung von Yin und Yang energetisch wirksamer.

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8. Was heißt "nicht drücken" beim Shiatsu ?

Im Gegensatz zu den westlichen Massagetechniken, bei denen Kraft für das Drücken und Kneten von verspannten Muskelsträngen angewendet wird, ist es ein Prinzip der Shiatsu-Behandlung, daß der Behandelnde sich eher anlehnt bzw. sich sinken läßt. Dies ist zum einen weniger schmerzhaft und wirkt sanfter für den Empfänger; zum anderen ist es aber auch wesentlich weniger kraftaufwendiger für den Shiatsu-Geber. DerBehandelnde arbeitet im wesentlichen mit dem eigenen Körpergewicht. Kraft wird nicht angewendet, sondern abgegeben.

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9. Was heißt "Natürlich sein" beim Shiatsu?

"Natürlich sein" heißt im Shiatsu vor allem nichts erzwingen wollen. Behandlungstechniken sind beim Shiatsu nur Mittel zum Zweck und nicht als effektheischende Turnübungen zu verstehen. Die "einfachste" Technik ist mitunter die wirkungsvollste.

"Natürlich sein" beinhaltet einen offenen, unverkrampften Kontakt zwischen Shiatsu-Geber und Shiatsu-Empfänger. Je entspannter und offener der verbale und nonverbale Kontakt sich zwischen beiden gestaltet, um so wirkungsvoller die Behandlung.

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10. Was versteht man unter "Ki" ?

Unter Ki (im Chinesischen Qi) versteht man die Energie, die vereinigt und belebt. Ki bindet Energie in Materie und belebt Materie.

Quellen des Ki sind:

- Ursprungs-Ki oder auch "vorgeburtliches" Ki wird ererbt. Es wird in den Nieren gespeichert

- Nahrungs-Ki speist sich aus der Nahrung

- Natürliche Luft-Ki wird durch die Lunge aus der eingeatmeten Luft gewonnen

Funktionen des Ki sind:

- Bewegung im weitesten Sinn (physische, geistige, aber auch Entwicklung und Wachstum)

- Schutz gegenüber Umwelteinflüssen

- Transformation von Substanzen (wie z.B. Nahrung in Blut, Schweiß, Urin etc.)

- Bewahrung von Körpersubstanzen und Organen (wie z.B. Blut in den Blutbahnen, Organe am richtigen Platz etc.

- Wärmeregulierung (Aufrechterhaltung der Körpertemperatur)

Es können folgende Arten des Ki unterschieden werden:

- Organ-Ki

- Leitbahnen-Ki

- Nahrungs-Ki

- Abwehr-Ki

- Atmungs-Ki

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11. Welche Bezeichnungen für "Ki" gibt es in anderen Kulturen ?

Qi, Ch'i, Prana,Lebensenergie, Pneuma, Atem des Prometheus, Orgon (Wilhelm Reich), Bioenergie, Heiliger Geist,

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12. Was ist ein Tsubo ?

Tsubos sind Punkte bzw. Bereiche auf dem Oberflächenverlauf von Meridianen, an denen man den Ki-Fluß beeinflussen kann. Sie sind Zugänge zum Energiekörper des Menschen. Zu den Tsubos gehören zum einen die sogenannten fixen Tsubos, die den klassischen Akupunkturpunkten entsprechen. Darüberhinaus gibt es zusätzlich die örtlich nicht fixierten Tsubos, die der erfahrerene Shiatsu-Praktiker entlang der Meridiane als Energieungleichgewichte erspüren kann.

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13. Was bedeuten Yin und Yang ?

Das Prinzip von Yin und Yang ist Grundlage der traditionellen chinesischen und japanischen Philosophie. Das chinesische Zeichen für Yin und Yang bedeutet wörtlich schattige bzw. sonnige Seite eines Berges.Yin und Yang stehen für die zwei gegensätzliche polare Kräfte, die sich jedoch nicht gegenseitig ausschließen sondern eine Einheit bilden.Yin und Yang ergänzen sich und sind voneinander abhängig. Ohne Yin kann es kein Yang geben und umgekehrt. Jedes Yin enthält auch Yang und jedes Yang enthält Yin. Im einzelnen können Yin und Yang stehen für:

 
Yin Yang
Schatten Sonne
Stille Wachstum, Bewegung
passiv aktiv
kalt warm
feucht trocken
weiblich männlich
innen außen
nach oben nach unten
Erde Himmel
Wasser Feuer
Unterkörper Oberkörper
Verdichtung Ausdehnung
Speicherorgane (Leber, Herz, Niere, Milz) transportierende, verarbeitende Organe, Hohlorgane (Magen, Dickdarm, Blase, Dünndarm)

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14. Wie unterscheiden sich Yin und Yang-Meridiane ?

Yin-Meridiane verlaufen von unten nach oben (von der Erde zum Himmel). Sie befinden sich an der Körpervorderseite und der Körperinnenseite

Yin-Merdiane sind: Niere, Leber, Herz, Herzkreislauf, Milz, Lunge.

Yang-Meridiane laufen von oben nach unten (vom Himmel zur Erde). Sie befinden sich an der Körperrückseite (Ausnahme: Magen-Meridian) und der Körperaußenseite

Yang-Meridiane sind: Blase, Gallenblase, Dünndarm, Dreifach-Erwärmer, Magen, Dickdarm.

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15. Wie kann man das Yin/Yang-Symbol interpretieren ?

Der Kreis des Yin-Yang-Symbols verkörpert die Einheit von Yin und Yang. Yin und Yang fließen im Kreis ineinander. Nimmt Yin ab, dehnt sich Yang aus. Nimmt Yang ab dehnt sich Yin aus. Yin enthält Yang, Yang enthält Yin.

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16. Was bedeutet "Hara" ?

Das Hara bedeutet Bauch. Es ist das physische Zentrum des Körpers. Das Zentrum des Hara bildet das sogenannte "Tan Den", drei Fingerbreit unter dem Nabel.

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17. Was bedeutet "aus dem Hara arbeiten" ?

Das Hara wird nicht nur als physikalisches Zentrum des Körpers angesehen, sondern auch als Energiezentrum. Aus dem Hara arbeiten heißt sich seiner selbst bewußt sein, in seiner Mitte zu ruhen, absichtslos (aus dem Bauch, nicht aus dem Kopf heraus) behandeln Ein Handeln in Absichtslosigkeit" Aus dem Bauch heraus arbeiten meint, aus dem Zentrum arbeiten. Nur so wird Shiatsu nicht zur Anstrengung für den/die BehandlerIn. Nur wenn der Shiatsugebende leicht und frei aus seiner Mitte heraus arbeitet kann der/die Behandelte sich entspannen, gehen lassen, geschehen lassen und öffnen. Öffnen meint, aus seiner/ihrer Verkrampfung heraus kommen.

Fokussierung und Zentrierung

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18. Warum übt man im Anfängerkurs das Krabbeln ?

Viele von uns sind ewig nicht mehr gekrabbelt. Sogar in der Kindheit wurden viele ermuntert diese wichtige Phase, der man heute einen Einfluß auf die Entwicklung der Intelligenz zuschreibt, schnell zu passieren. Kinder werden für jeden frühen Schritt gelobt und "durchlaufen" genauso karriereorientiert auch Schulzeit und Erwachsenenalter, bevorzugen dabei Intellekt und "höhere" Dinge und vernachlässigen in jeder Phase ihre Beziehung zum Boden. Wir müssen auf "auf eigenen Füßen stehen", "aufrechte Bürger" werden, "es an die Spitze schaffen" etc. Um diese Erwartungen zu erfüllen, müssen wir uns leider oft verhärten. Hier kann es wohltun, niederzugehen und wieder zu krabbeln. Shiatsu-Anfängerkurse beginnen daher oftmals mit dem Üben des Krabbelns, um (wieder) Kontakt zum Boden zu finden und zu lernen, wie aus der Bewegung aus dem Zentrum das Gewicht auf den Armen und Beinen vergrößert bzw. verringert werden kann.

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19. Welchen Einfluß hatte Shizuto Masunaga auf die Entwicklung des Shiatsu ?

Masunaga integrierte die traditionellen philosophischen und medizinischen Prinzipien der östlichen Medizin wieder in die Shiatsu-Lehre (Begründung des "Zen-Shiatsu"). Er machte es sich zur Aufgabe die traditionelle chinesische Medizin mit der westlichen Physiologie in Einklang zur bringen. Masunaga erweiterte das klassische System der Hauptmeridiane, führte in das Shiatsu das Prinzip der zwei Hände (Yin- und Yang-Hand) ein und entwickelte die Hara- und Rückenzonen-Diagnose. Darüberhinaus stammen von ihm Übungen zur Meridiandehnung..

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20. Was verstehst Du unter "kyo" und "jitsu" ?

Kyo bezeichnet erschöpftes, leeres, hypoaktives Ki. Das Füllen, Stärken von Kyo wird als tonisieren bezeichnet

Jitsu bezeichnet übermäßiges, volles, hyperaktives Ki. Das Leeren, In-Bewegung-Setzen von Jitsu wird als sedieren bezeichnet.

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c) Wolf Nevermann  Stand: 17.02.06 , Home: www.nevermann.de